September 1961
MUSIK IN PRADES
die sich Yehudi Menuhin f¸r Casals und zugleich f¸r die greise Majest‰t von Belgien insgeheim ausgedacht und via Telefon mit David Oistrach in Paris ver ab redet hatte, w‰re unter jedem anderen Himmel ein Politikum gewesen. Man denke: einer der prominentesten K¸nstler der ˆstlichen Welt, eben Oistrach, musiziert im Altarraum einer katholischen Kirche, dem Ort des Festivals, zu Ehren einer Monarchin! Doch der Himmel ¸ber dem Roussillon f¸hrt die Menschen zu sich selbst und die Dinge auf das ihnen zugehˆrige Mafl zur¸ck. So blieb Musik und nichts als das: Johann Sebastian Bachs d-moll-Konzcrt f¸r zwei Violinen, gespielt von Menuhin, Oistrach und den Festival Strings Lucerne. Die Gabe war improvisiert -- die beiden Solostimmen verschmolzen stilistisch nicht restlos miteinander. Menuhin ist der verbindliche, sensible, geistbetonte Musiker, der nichts verdeckt, nichts ,,¸berspielt" -- Oistrach produziert mit b‰rbeifligem Gesichtsausdruck einen zarten, verhaltenen, einschmeichelnden Klang. Menuhin l‰flt die Schwierigkeit der Materie nie ganz vergessen; Zeuge von deren ‹berwindung zu sein, macht einen guten Teil des Erlebnisses aus, das sein Spiel vermittelt. Oistrach scheint von inneren Auseinandersetzungen ¸berhaupt nicht ber¸hrt -- sie sind von seiner Pablo Casals bei der Probe mit Yehudi Menuhin (im Hintergrund Kunst vollkommen absorbiert. Nicht das der Pianist Eugene Istomin) Problematische, sondern das Gesetz des Schˆnen, nicht gr¸blerische Auseinandersetzung, Claus=Henning Bachmann sondern sein Temperament bestimmen sein Spiel. Der Pianist Juhus Katchen formte -- an einem Beethoven-Abend -- gleichsam den strukturellen Untergrund; er, der vergleichsweise K¸hlere, legitimierte sich mit seinem unvergleichlichen Anschlag,seiner bestrickend Auch im s¸dfranzˆsischen Roussillon gibt es Casals widerlegt, wie diese ¸ber das blofle geistvollen Modulationstechnik als der hervorragendste Repr‰sentant der j¸ngeren Piaein Wirtschaftswunder. Prades, die Fcstspiel- Wollen hinausgewachsen ist ins nicht mehr stadt von den Gnaden Pablo Casals, hat sich anzuzweifelnde Gelingen. F¸r Casals gilt da- nisten-Generation. neue Gesch‰fte und neue H‰user zugelegt. mit dasselbe wie f¸r Wilhelm Furtw‰nglcr Das Klaviertrio op. 99 von Schubert wurde Gewifl dankt sie diesen Aufschwung nicht in seiner besten Zeit: das Subjektive erscheint zu einem unvergefllichen Ereignis. Wenn es allein den Festspielen; ganz allgemein mo- dem Gesetz einer immanenten Ordnung un- mˆglich ist, dafl das ,,Klassische" -- Vollendernisiert sich die franzˆsische Provinz mit terworfen, die sich allerdings von der klang- dete -- in der nachschˆpferischen Gegender Zeit. Aber das Festival de Prades mag lichen Erscheinung nicht mehr abstrahieren wart noch einmal neu zu erstehen vermag, dann geschah es in dieser Stunde. Die drei den B¸rgern doch einigen Auftrieb gegeben l‰flt, haben: nicht t‰glich hat man eine Kˆnigin zu ,,Dem im Vollbesitz seiner seelischen Kr‰fte Spieler -- Pablo Casals, David Oistrach und Gase, Elisabeth von Belgien, die Patronin stehenden Menschen hegt Sentimentalit‰t Julius Katchen -- gehˆrten drei Nationen des Festivals, nicht t‰glich gibt es hier so fern!" erkl‰rte Furtw‰ngler (in den ,,Ge- an: Spanien, der UdSSR und den USA. Jeder etwas wie internationale Atmosph‰re -- eine spr‰chen ¸ber Musik"). Derart stolzes, selbst- f¸r sich ist ein Solist von solchen Graden, Auffahrt von Autos aus Spanien, vor allem bewufltes Bekennen deckt sich ganz mit dem dafl der Gedanke an ein bruchloses Zuaus Barcelona, der ,,Hauptstadt" der sich Wesen von Casals, der spezifisch deutschen sammen spiel utopisch erscheint. Aber diese ¸ber S¸dfrankreich und Nordspanien er- Interpreten-Idealen -- ungeachtet seiner in- Utopie wurde Wirklichkeit. Das Auserlesene streckenden katalanischen Provinz, aber auch neren Bindung an die heimatliche, kata- enth¸llte sich vollends im Vergleich. Wilhelm aus Deutschland, Groflbritannien und selbst- lanische Landschaft -- mehr zugeneigt scheint Kempff, Sandor Vegh und Casals erreichten verst‰ndlich aus allen Regionen Frankreichs. als romanischen. Junge Musiker, die mit der als Trio nicht ann‰hernd jene Spielkultur, die Deutsche Laute hˆrte man bevorzugt an den heute weitverbreiteten Angst vor Pathos und das einmalig festliche Erlebnis von Prades beiden Tagen, an denen Wilhelm Kempff Sentimentalit‰t zum Festival de Prades fuh- bleibt. Die ehrliche Begeisterung der Frankonzertierte, zusammen mit Casals und ren, erlebten hier vielfach, was sie nicht be- zosen f¸r Wilhelm Kempff w‰re eingehender Sandor Vegh; unsere Landsleute fahren im- griffen: ein metaphysisch orientiertes Musi- Untersuchung wert. Seine k¸nstlerische mer gern dahin, wo sie etwas vorfinden, was zieren, das dennoch unter einer klaren lich- Eigenart -- mit dem schroffen Wechsel von sie auch zu Hause haben. ten Aura sich vollzog. Casals ist im Begriff, gesanglich entfalteter Melodie und reichlich Pablo Casals hat sich zeitlebens auf Begriffe seine eigene Legende zu ¸berleben. Der ,,groflz¸gig" angepacktem, wie aus einem wie ,,Vernunft" und ,,Logik" nicht festlegen ,,Papst des Cellospicls", wie man ihn ge- Felsblock herausgehauenem Formteil -- wollen, die indes immer wieder auftauchen, nannt hat, gibt noch jedem unter seineswenn Sch¸ler oder enge Mitarbeiter von ihm gleichen ein Beispiel. Doch wer ist schon kˆnnte man typisch ,,deutsch", fast etwas sein Spiel beschreiben. Er selber verwendet seinesgleichen . . . Tn dem Pyren‰enst‰dtchen, gewaltt‰tig nennen. Mˆglicherweise kommt mit Vorliebe die Wˆrter ,,Inspiration" und das umgeben ist von praller Fruchtbarkeit in dem Erfolg, den Kempff hierzulande hat, ,,Intuition", und man konnte ihn daraufhin und die Pforte bildet zu einer sattgr¸nen das Haflliebe-Empfinden der Franzosen allem spezifisch Deutschen gegen¸ber zum Ausf¸r einen hemmungslosen Subjektivsten und felsigen, wilden und heiteren Landschaft, halten -- wozu auch Ausspr¸che wie: ,,Der in der die romanischen Kirchen und Klˆster druck. -- Kaum braucht wohl hervorgehoben zu werden, dafl es in Prades das Ausf¸hrende ist, ob er will oder nicht, ein Wechsel volle Schicksale erlebt haben -- in Ausleger .. ." oder: ,,In einem gewissen Sinne diesem Prades kamen nun, um bei der Wort ,,Routine" nicht gibt. Keiner musiziert ist die Musik ein unaufhˆrliches Rubato . . ." Hierarchie zu bleiben, die ,,Kardinale" zu- auf Sicherheit. Alle f¸hlen sich herausverleiten. Solche dem Bereich des Sentimen- sammen, um Casals im voraus zum 85. Ge- gefordert. Sie spielen im Bewufltsein der talen zugehˆrigen ƒuflerungen sind in dem- burtstag zu gratulieren. Um ihm zu huldigen gleichen Voraussetzung: jeder Ton ist ein selben Mafle von der schˆpferischen Leistung durch ihr Spiel .. . Die kleine ‹berraschung, Wagnis -- und jedes Gelingen ein Sieg. Casals ¸berlebt seine eigene Legende MUSIK IN PRADES