August 1995
Aus der Tiefe
Sändor Vegh ist in der heutigen Interpreten-Landschaft ein Ausnahmefall. Die langen Erfahrungen und die Herkunft des mittlerweile 83jährigen Musikers aus Siebenbürgen, das Studium in Budapest, das eigene Streichquartett, die Tätigkeit als Lehrer, Festivalgründer, die Zusammenarbeit mit Musikern wie Wilhelm Kempff, Rudolf Serkin, Pablo Casals, schließlich seine Funktion als Dirigent der Camerata Academica des Mozarteums Salzburg haben bei ihm zur Kulti- vierung einer Musizierhaltung geführt, die bestimmt ist von der Fortführung des Überlieferten. Ein ästhetisches Grundge- fühl scheint am Wirken, das bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. In einigen Überzeugungen seinem Generationskollegen Sergiu Celibidache verwandt, ebnet persönliche Bescheidenheit den Weg, unprätentiös in musikalische Sinnzusammen- hänge einzutauchen, gleichsam als Diener die Musik selber erstehen zu lassen. Davon zeugen zahlreiche Aufnahmen. Das eigentlich Charismatische des Musikers, das Ineins von Gefühl und Intellekt, enthüllt sich aber erst im Konzertsaal. Seit 1978 führt Sändor Vegh die Camerata Academica und zog sich damit ein Orchester heran, das seinem Wünschen und Wollen folgt, mit dem er auch ein umfangreiches Repertoire auf C D dokumentiert hat: Werke von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, aber auch Bartök, Schönberg und Strawinsky lassen erkennen, wie Sändor Vegh Partituren leben- dig, die Vergangenheit lebendig macht. Und das ist eine große Sache. Sören Meyer-Eller sprach mit Sändor Vegh.